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In einem Internetforum wurde vor einiger Zeit
die Frage gestellt, was denn dieser Satz bedeutet, diese folgende Formulierung,
die man im Kontext des Zen immer wieder hört;
" Der höchste Weg ist nicht schwer, nur ohne Wahl. Hasse nicht,
liebe nicht, und es ist klar und eindeutig"
Zenmeister Ludger Tenbreul aus der www.zen-vereinigung.de machte vor
einigen Jahren während einer Angoperiode das Shinjinmei zum Thema.
Aus den vielen Kusen, die er zu diesem Thema abhielt wurde ein ca. 100-seitiger
Text gemacht. Ich habe die wichtigsten Aussagen dieser Vortragsreihe
hier zusammengefasst, sie zum Teil wortwörtlich wiedergegeben und
an einigen Stellen sie sinnbildlich zusammengefasst und sie nach eigenem
Ermessen durch Zitate anderer Zenlehrer- und Vorfahren ergänzt.
Liebe xy…
Diese ersten Gedichtszeilen stammen aus dem "Shinjinmei" (Die
Meisselschrift vom Glauben an den Geist). Das Shinjinmei wird sowohl
im Soto als auch im Rinzai studiert. Es umfasst 73 kleine Strophen.
Deine zitierten Sätze sind der Anfang und beinhalten eigentlich
auch schon den eigentlichen Kern des ganzen Gedichtes. Die weiteren
70 Strophen sind mehr oder weniger nur noch Ergänzungen oder "Erklärungen"
zu diesen ersten Zeilen. Geschrieben wurden sie von Meister Sosan ca.
600 unserer Zeitrechnung. Sosan war in der Übertragung des Zen
nach Bodhidharma der 3. Patriarch.
"Der Höchste Weg ist nicht schwierig, nur ohne Wahl"
Mit der Formulierung ; "Der HÖCHSTE Weg" fangen bereits
die Schwierigkeiten an, weil unser dualistisches Denken sich bereits
Vorstellungen macht, was unter dem "Höchsten" eigentlich
zu verstehen ist. Wenn man mit Worte ausdrücken will, was das genau
bedeutet, dann sind uns schon gewisse Grenzen gesetzt, weil sich dieses
"höchste" nicht durch Worte ausdrücken lässt.
Meister Gensha nannte es z.B; "Das ganze Universum ist eine klare
Perle". Beides meint eigentlich genau das gleiche. Da ist dann
nur noch die Frage, ob man "mitten drin" ist in dieser "Perle"
oder ob wir durch unser unterscheidendes Denken eine Trennung machen
zwischen uns und dem Universum. Der höchste Weg ist der Weg deines
Geistes, der nicht verschieden ist vom Rest des Universums. Man kann
diesen Weg aber nicht auf der Grundlage eines gedanklich konstruierten
Weges gehen.
Es gibt in dem Sinn auch keine wirkliche "Erklärung"
dazu, weil du vom "Weg des Zazen GEGANGEN" wirst, und nicht
umgekehrt. Die Idee, das DU den Weg gehen könntest ist eine Illusion.
Es kommt einem zwar oft so vor, als wenn man sich dafür entschieden
hätte, den Weg zu gehen, das man ihn gehen würde. Im Grunde
genommen ist dies aber nicht so, weil der wahre Weg eigentlich "ohne
Wahl" ist. Solange man Zazen als etwas unter vielen macht, meint,
man könne sich wirklich dafür entscheiden, also "wählen",
solange ist man noch nicht wirklich vom Weg berührt worden. Die
lebendige Erfahrung, wenn der Weg dich BERÜHRT ist die Realität.
Dieses Erfahren, vom Weg berührt zu werden ist ein tiefes, stilles
und schweigendes Glück, das nicht in Worte gekleidet werden kann.
Im Zen wird dies ein "Formloses Glück" genannt, weil
es eben form- und zeichenlos ist. Es hinterlässt keine Spuren und
ist nicht sichtbar. Kodo Sawaki trieb diese Formulierung auf die Spitze
und sagte, dass Zazen zu nichts nütze sei.
Im Grunde meinte er aber nur dieses zeichen und formlose Glück,
das nicht auf der Ebene des Ich erfahren wird. Meister Sosan wies mit
dem Shinjinmei ebenfalls auf dieses Formlose und Nicht-Greifbare hin.
Meister Dogen hatte ein anderes Gleichnis, wenn er über die Momente
des "Erwachens" schrieb (auch wenn dieses Zitat vielleicht
von mir etwas aus dem Gesamtzusammenhang gerissen sein mag);
"Ein Mensch, der das Erwachen erlangt hat, gleicht dem Mond, der
sich im Wasser spiegelt: Der Mond wird nicht nass und das Wasser wird
nicht bewegt".
Zazen ist ein tiefes Berührt-Werden. Ein Berührt-Werden vom
Leben und ein Berührt-Werden vom ganzen Universum, das nicht verschieden
ist vom Leben, und auch nicht verschieden von Liebe und Hass. Zazen
ist eine riesige Öffnung hin zu diesem Universum, dessen Geist
nicht verschieden ist von unserem Geist. Deshalb ist dieser "große
Weg" auch nicht schwierig, weil es in uns die Fähigkeit gibt,
uns zu öffnen. Es ist die Fähigkeit, uns über das hinauszubewegen
was nur ein intellektuelles Verstehen ist. Und es ist die Fähigkeit
sich auch weit über ein "intellektuelles Öffnen"
hinauszubewegen. In dieser Bewegung, in diesem Prozess des Abfallens
von Körper und Geist begegnet uns auch wahre Liebe, das wahre Mitgefühl.
Liebe, die frei ist von Liebe, und Mitgefühl, das frei ist von
Mitgefühl. Dieser letzte Schritt kann nicht getan werden durch
intellektuelles Verstehen. Es kann dich vielleicht dem etwas annähern,
aber das wesentlich ist das Sich-Öffnen und über Verstehen
und Nicht-Verstehen hinauszugehen. Wie man das macht ? :-) Vollkommenes
Vertrauen im Zazen finden, vollkommenes Vertrauen durch Zazen finden,
vollkommenes Vertrauen durch deinen Körper und deine (Meditations-)
Haltung finden. Zazen und das Leben müssen sich genau an einem
einzigen Punkt befinden. Zazen, dein Leben und die Zeit müssen
absolut eins werden. Dies ist aber keine "Handlung" im Sinne
einer Aktion aus unserem vordergründigen Geist heraus ! Einen anderen
Zugang zum "wahren Weg" gibt es nicht. Es ist ein zutiefst
sich öffnen, ein zutiefst sich auf etwas hin bewegen. Es schließt
dabei aber auch kein Gefühl aus und weist nichts zurück. Zazen
wird nicht zu einem Objekt, das man "lieben" soll. Wenn man
es so ergreift, dann tötet man es und es verliert diese Lebendigkeit
im Zazen (Das Tun aller Buddhas).
Erst in dieser Tiefe der Erfahrung versteht man auch, was "ohne
Wahl" bedeutet. Es ist kein "wählen" im Sinne eines
unterscheidenden Bewusstseins, eines Egos, das abwägt, untersucht
und sich am Schluss für das entscheidet, was den meisten Profit
verspricht. Unser Bewusstsein trifft ständig irgend welche Entscheidungen
auf einer recht oberflächlichen Seinsweise, wägt ständig
ab zwischen diversen Belanglosigkeiten und Unterhaltungen zum Zeitvertreib.
Im Zazen kann sich der Moment offenbaren, in dem man zutiefst erkennt,
das man eigentlich gar keine andere Wahl hat, als diese Praxis bis an
sein Lebensende zu "vollziehen". Man hat keine "Wahl"
mehr !
Den großen Weg kann man nicht "wählen", weil diese
"Wahl" ohne einen auswählenden Geist stattfindet. Dieses
"ohne Wahl" ist auch nicht schwierig oder anstrengend, weil
es nicht in unserem Kopf stattfindet. Von diesem Punkt an ist der Weg
auch nicht mehr schwierig, obwohl uns in diesem Weg immer wieder "Schwierigkeiten"
begegnen. Da sie aber vom "großen Weg" getragen werden,
sind diese Schwierigkeiten nicht mehr wirklich schwierig. Der "große
Weg" beinhaltet zwar Schwierigkeiten, aber die wesentlichen Dinge
werden sehr einfach weil eben dieser "Weg" weit über
"leicht und schwer" hinausgeht.
"Hasse nicht, liebe nicht, und es ist eindeutig und klar"
Nicht zu hassen, das ist sehr schnell verstanden, was das bedeutet.
Mit "Liebe" ist mit großer Wahrscheinlichkeit das "Begehrende"
gemeint in der Liebe. Das, was besitzen und anhaften möchte. Das,
was uns eigentlich Leiden bereitet. Zazen schließt nichts aus,
braucht sich auch daher nicht von etwas zu distanzieren oder von etwas
"loslösen".
Wenn [......] hier im Forum schreibt, das wir in dieser Welt nichts
wirklich lieben können, weil nichts von Dauer ist, kann ich ihm
nur teilweise zustimmen. Wenn er meint, das wir die Objekte unserer
Begierde nicht wirklich "lieben" können, dann stimmt
das sicher, darum geht es aber nicht. Zazen-Praxis meint nicht, das
man zu einem komischen Holzblock oder einem Stein wird, der da irgend
wie dumpf in der Landschaft herumliegt und nichts fühlt, und wir
dies erreichen müssten ! Auch meint Zazen nicht, das wir hier in
dieser bedingten und vergänglichen Welt kein Glück finden
sollten. Es gibt im Zazen dieses "Überschreitende" das
uns zurück zu unserer natürlichen Geistesverfassung bringt.
In dieser Geisterverfassung kann man erkennen, das alle Dinge nur zusammengesetzt
sind. Und in diesem Erkennen liegt auch ein Potential von wahrer Freiheit,
weil wir beginnen können, die Dinge einfach so zu genießen,
wie sie wirklich sind. Es ist kein aufdringliches Licht, aber es hat
Ausstrahlung. Dies meint Wärme, Mitgefühl, Sympathie und Anteilnahme.
Das Leben kann zu einer immer wieder neu zu einer Hingabe an den jetzigen
Moment werden, an das Hier und Jetzt. Es entsteht eine Freude im Herzen
und eine Freude zu den vielen kleinen und großen Dingen, die uns
in unserem Leben berühren.
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