Wer ist dein Lehrer?

 Der eigentliche Zweck des Übens ist, die Weisheit, die du schon immer in dir hattest, zu entdecken. Dich selbst zu entdecken heisst, Weisheit zu entdecken; ohne dich selbst zu entdecken, kannst du niemals mit irgendjemandem kommunizieren. Im alltäglichen Leben können wir einen flüchtigen Blick auf Weisheit erhaschen, so wie das polierte Werkzeug Ausdruck der Weisheit im Arm des Zimmermannes ist. Sie ist unsichtbar, du kannst sie nicht hervorziehen und vorzeigen.

 

Weisheit kommt nicht von Irgendwo her; sie ist immer da als der exakte Gehalt des Erwachens – sie ist immer und überall vorhanden. Was du tun kannst, ist, sie aufzudecken. Als gingest du zum Ursprung eines Flusses, die gefallenen Blätter aufhebend. Warst du je an der Quelle eines Flusses? Es ist ein sehr mystischer Ort. Dir schwindelt, wenn du für eine Weile bleibst. Ein besonders großer Fluss hat mehrere Quellen, und die wahre Quelle, der entfernteste Punkt, der zum Hauptstrom wird, ist feucht und dunstig, mit einer Art uralten Geruchs, und dir ist kalt. Du empfindest: „Dies ist kein Ort, hinein zu gehen“. Es gibt kein hervorsprudelndes Wasser, also weißt du nicht, wo die Quelle ist. Tatsächlich existiert ein solcher Ort in jedem; unser Zentrum ist von dieser Art. Von diesem Ort entspringt der uralte Ruf: „Warum kennst du mich nicht? Da du so viele Jahre schon mit mir lebst, warum kannst mich nicht bei meinem wahren Namen rufen?“ Unglücklicherweise können wir an einen solchen Ort nicht mit Körper und Geist reisen, aber wir fühlen, dass es einen solchen Ursprung gibt, und dort beginnt alles. Von diesem Ort seid ihr tatsächlich gekommen und alles was ihr tut, ist, an diesen Punkt zurückzukehren. In der Zeit des Lebens könnt ihr anderen Leuten begegnen, zumindest einem Anderen außer euch selbst. Also, anders ausgedrückt, zwei von euch entdecken. Darum fahrt ihr fort, so mühsam zu leben.

 

Der Weg, deinen Ursprung zu entdecken, ist, demjenigen zuzuhören, bei dem du fühlst: “Das ist es!” Es scheint, als könntest du es alleine, ohne Andere tun, aber tatsächlich kannst du allein auf dich gestellt diesen Ursprung nicht entdecken. Diesem Punkt zustrebend, glaubst du nie „Das ist es“. Aber unmittelbar auf den Ursprung eines Anderen zeigend und sprechend: „Dies ist mein Ursprung“ - in diesem Moment erscheint ein anderer Finger, zeigt auf dich und spricht: „Nein, das ist mein Ursprung“. Und dir schwindelt. „Moment mal, bist du mein Lehrer oder bist du mein Schüler?“ Und beide sagen: „Nein, es macht keinen Unterschied. Ich kann dein Schüler sein; ich werde ein alter Buddha für dich sein“. Der Schüler sagt dies zu seinem Lehrer. Ohne dein ganzes Leben und deinen Körper in Andere zu werfen kannst du niemals deine eigene wahre Natur erlangen. Je klarer dein Verständnis des Lebens wird, genauer und auf schmerzhafte Weise freudvoll, desto mehr fühlst du: „Ich bin so schlecht“. Der Eine, der erscheint und spricht: „Nein, du bist nicht im Geringsten schlecht, so ist es eben“ – das ist dein Lehrer. Versteh das nicht falsch, dieser Lehrer ist nicht immer eine Person. Es kann dich umarmen wie der Morgentau auf einem Acker und du bekommst ein seltsames Gefühl: „Oh, das ist es, mein Lehrer ist dieser Acker“.

 

Mit deinem wahren Selbst richtig umzugehen, ist, sich vor dir selbst tief zu verbeugen und zu bitten: “Bitte lass mich von mir selbst wissen”. Weil wir es nicht alleine tun können, müssen wir es mit jemandem tun, der unser Gelöbnis annehmen kann. Ein solches Ereignis stattfinden zu lassen, das ist es, was höchstes Erwachen ist. Es ist nicht deine Schöpfung, du bewunderst lediglich den Ort, an dem du bist und du bist mit ihm, und dieser Ort ist der Ort, deinem Lehrer zu begegnen. Es muss kein besonderer Ort sein. Wenn du ein wenig achtsam mit dir selbst bist, kannst du eine solche Gelegenheit erschaffen … zwischen deinen Kindern und dir selbst, zwischen deinen Eltern und dir selbst.

 

 

Jikoji News, Frühling 1997