Die andere Seite des Nichts

 Wir üben diese Praxis nicht in der Erwartung aus, dadurch etwas zu erlangen. Dies ist eine ganz andere Art des Handelns. In gewissem Sinne ist es das Verlassen menschlicher Angelegenheiten, um sich auf die andere Seite des Reichs der Menschen zu begeben. Habt ihr bemerkt, dass euer Gesicht sich verändert, Augenblick für Augenblick, wenn ihr der Wand gegenüber seid? Wenn ihr darauf achtet, wie ihr euch genau fühlt, dann fühlt ihr, wie es sich verändert. Es ist ein so unmerklicher Wechsel, dass niemand es wahrnehmen würde, wenn er euch beobachtete. Es ist, als würde eine Flamme auf dem Kissen sitzen. Jeden Augenblick ist die Beschaffenheit der Flamme anders. Ihr erfährt dies vom Morgen-Zazen bis zum Nacht-Zazen. In jeder Sizung ist es ein ganz anderes Gefühl. Jeden Atemzug ist alles anders.

 

Wir erfahren beim Sitzen eine Art Sterben in Bezug auf das Wahre und das Unwahre. Das Unwahre stirbt, also leiden wir. Wir wollen uns an das Selbst klammern, an dessen Existenz wir glauben. Der Inhalt dessen, was „Ich“ bedeutet, oder die Stückchen, aus denen die Idee von einem Selbst zusammengesetzt ist, sind in sich stimmig; aber wenn ihr sitzt, könnt ihr keine Substanz in diesen Stückchen eines Selbst beobachten.

 

Wenn wir versuchen, etwas Erwachen oder Erleuchtung zu erreichen, gelingt es nicht. Wir hören, dass Sitzen das Klären der wahren Natur des Selbst ist, aber anscheinend wird gar nichts geklärt, nichts geschieht. Ihr bringt lediglich die Zeit herum und habt eine Menge Schmerzen und einen herumstolpernden Geist. Wenn ihr den ganzen Tag sitzt, habt ihr ein- oder zweimal ein gutes Sitzen; aber wenn ihr das gute Sitzen mit dem Rest vergleicht, dann habt ihr einen Geist voller Bedauern: „Was habe ich getan? Schläfriges, kraftloses Sitzen.“

 

Dadurch entstehen Zweifel. Was ist das? Ist das in Ordnung so? Bist du in Ordnung? Euer Geist ist an einem anderen Ort als das Sitzen. Ich wünschte, ihr würdet einmal für ein paar Tage alleine sitzen. Wenn ihr alleine sitzt, dann merkt ihr, dass ihr eure rechte Absicht klären könnt - eure feste innere Einstellung in der Hinsicht, euch um euch selbst zu kümmern - auch wenn es viele gefährliche Situationen gibt, in die man geraten kann. Wenn wir gemeinsam sitzen, so wie jetzt, denkt ihr: „Wenn andere Leute sitzen, müsste das in Ordnung sein! Das muss der Weg sein!“ Wenn aber etwas Wichtigeres auftaucht, als eure Beschäftigung mit euch selbst, dann hört ihr selbstverständlich auf, zu sitzen und stürzt euch auf die Beschäftigung damit. Für jeden von uns ist die Möglichkeit des Sitzens eigentlich das Gleiche, wie alleine zu sitzen.


Schüler: Jahrelang habe ich es vorgezogen, für mich alleine zu sitzen, und immer, wenn ich in einer Gruppe sitzen musste, war es schwieriger. Ich hatte Probleme, die ich alleine nicht hatte.

 

Kobun: Die Schwierigkeit lag nicht im gemeinsamen Sitzen, die Schwierigkeit lag bei dir! Der Wunsch, alleine zu sein, ist unmöglich erfüllbar. Wenn du wirklich allein wirst, fällt dir auf, dass du nicht allein bist. Anders gesagt, wir beenden unsere energischen Anstrengungen hin zu idealer Reinheit. Reinheit ist nur ein Prozess. Nach Reinheit kommt trockene Einfachheit, wo kaum noch Leben da ist, und deine Empfindung ist, dass du nicht mehr existierst. Trotzdem existierst du dort. Du kippst auf die andere Seite des Nichts, wo du entdeckst, dass alle auf dich warten. Davor lebst du auf diese Art in Gemeinschaft – Tag, Sonne, Mond, Sterne und Essen – Alles hilft dir, aber du bist völlig abgeschnitten, ein geschlossenes System. Du siehst Dinge nur von Innen nach Außen und handelst mit unglaublicher, systematischer, logischer Dynamik und du denkst, alles ist in Ordnung. Wenn Lärm oder chaotische Situationen auftreten, willst du sie vermeiden, um alleine zu sein. Aber es gibt kein solches Alleinsein!

 

Es ist sehr wichtig, die völlige Negation deines Selbst zu erfahren, die dich auf die andere Seite des Nichts bringt. Menschen erfahren sie auf viele Arten. Du gehst auf die andere Seite des Nichts und du wirst von der Hand des Absoluten gehalten. Du siehst dich selbst als Teil des Absoluten, also existiert das Beharren des Selbst auf dir selbst nicht mehr. Vom Standpunkt des Absoluten aus kannst du von Selbst als von Nicht-Selbst sprechen. Nur wirkliche Existenz ist absolut.

Jikoji News, Winter 1998